Interview mit dem Buchautor Thomas Scholtyssek!

 „Achterbahn zum ersten Milchzahn: Vater werden – mein Abenteuer mit Happyend“. Das ist der Titel des Buches von Thomas Scholtyssek, der seine Leser einen sehr privaten Einblick in einen der wichtigsten Lebensabschnitte überhaupt gewährt: in das Abenteuer, Vater zu werden. Doch leider verlief dieses Abenteuer nicht ganz ohne Schrecken. Und in diesem Fall hatte der Schrecken einen bekannten Namen: das „HELLP-Syndrom“.

Hallo Thomas, in deinem Buch beschreibst du unterhaltsam und mit viel Humor, wie deine Frau und du beschlossen haben, Eltern zu werden, und welche Gedanken und Unsicherheiten du als werdender Papa durchstehen musstest.

 

1. Wusstest du damals schon, dass es das HELLP-Syndrom überhaupt gibt? Und wie äußerten sich die Symptome bei deiner Frau?

 

Hallo Sabrina. Nein von diesem sogenannten HELLP-Syndrom hatten weder meine Frau noch ich jemals zuvor gehört, in keiner der vielen vorherigen Kontrolluntersuchungen beim Frauenarzt, noch in irgendeinem Schwangerschaftsratgeber oder Kursus. Wir haben erst von diesem HELLP-Syndrom erfahren, als meine Frau schon im Krankenhaus lag und es fast zu spät war. Die Symptome ähneln zumindest zuerst denen einer Magendarmgrippe und das macht die ganze Sache so heimtückisch. Meine Frau bekam damals an einem Samstag-Abend ohne irgendwelche Vorwarnungen urplötzlich starke Bauchschmerzen, verbunden mit starker Übelkeit und Durchfall. Ihr Bauch fühlte sich ungewöhnlich hart an. Im Krankenhaus wurde dann später festgestellt, dass ihr Blutdruck unheimlich hoch war. Das auftretende HELLP-Syndrom wurde nicht sofort diagnostiziert. Es ist die schlimmste Form einer Schwangerschaftsvergiftung und der Körper der Schwangeren vergiftet sich im Regelfall innerhalb kürzester Zeit – man sagt innerhalb von 24 Stunden – selbst. Man kann das Leben von Frau und Kind nur retten, indem man sofort das Baby per Kaiserschnitt zur Welt holt, in unserem Fall in der 32. SSW, also 8 Wochen zu früh. Später haben sich dann auch noch ihre Leberwerte sehr schlecht entwickelt, ihr Körper war über Tage komplett gelblich verfärbt. Tage, die sie auf der Intensivstation verbracht hat. Marlon selbst hat meine Frau erst Tage später sehen können. 

2. Hättest du gewusst, was auf euch zukommen wird, hättest du dann etwas anders gemacht oder entschieden?

 

Ich hatte es ja eben schon mal kurz erwähnt, der Bauch meiner Frau fühlte sich sehr hart an. Das war ca. 3-4 Wochen vorher schon mal der Fall gewesen. Meine Frau hatte auch im Vorfelde schon mal darauf hingewiesen, aber ein harter Bauch kann natürlich diverse Gründe haben. Nachträglich betrachtet, vermute ich, niemand wollte sie damals beunruhigen. Alle Kontrolluntersuchungen etc. waren stets ohne Probleme vonstattengegangen. Mit dem Wissen von heute hätten wir bestimmt öfter den Frauenarzt besucht und auf die ständige Kontrolle bzw. Überprüfung des Blutdruckes bestanden. 

 

3. Wie bist du damit umgegangen, dass du als Mann/Papa leider nur einen „passiven“ Part in all dem hattest, und was würdest du anderen Vätern raten, wie sie mit dieser „Ohnmacht“

umgehen können?

 

Ich bin damals – nennen wir es völlig unvorbereitet – Vater geworden. Eigentlich wollte bzw. sollte ich noch an dem einen oder anderen Partnerkursus inkl. Hechelübungen teilnehmen:-) Dazu kam es dann aber gar nicht mehr. Die Geburt war für mich zu diesem Zeitpunkt noch in ganz weiter Ferne, halt erst in ca. 8 Wochen. Ich bin dann quasi urplötzlich so nebenbei Vater geworden, aber gar nicht so, wie ich mir das zuvor immer vorgestellt habe. Ich saß alleine mitten in der Nacht auf der Wärmebank in irgendeinem Vorzimmer und meine Frau wurde auf der Intensivstation notoperiert. Die Ohnmacht an sich kam bei mir persönlich erst wesentlich später, weil einem so langsam klar wurde, wie übel die ganze Geschichte auch hätte ausgehen können und wie viel Glück wir gehabt haben. Ich kann anderen Vätern nur raten, zu versuchen, immer die Ruhe zu bewahren und alle Hilfe anzunehmen, die einem angeboten wird. Des Weiteren muss man gerade in der Zeit nach dem HELLP-Syndrom unheimlich viel Verständnis für die Situation der Frau und Mutter aufbringen. Das ist zugegeben nicht immer einfach, weil man nicht alles nachvollziehen kann.

 

4. Wie war die Zeit nach Marlons (Früh-)Geburt für dich?

 

Obwohl meine Frau und auch Marlon nach seiner Frühgeburt noch eine ganze Zeit im Krankenhaus geblieben sind, war die Zeit für mich persönlich psychisch sehr anstrengend und emotional. Ich bin jeden Tag zwischen Zuhause und den verschiedenen Stationen im Krankenhaus hin und her gefahren bzw. gelaufen. Meine Frau befand sich noch auf der Intensivstation des Krankenhauses und mein Sohn lag auf der Frühgeborenenstation, in einem völlig anderen Trakt des Krankenhauses. Zuhause klingelte permanent unser Telefon und unsere Familie bzw. Bekanntenkreis wollten gerne mit Informationen versorgt werden. Ich hatte nie Zeit und konnte irgendwie keinen klaren Gedanken fassen. Dabei hätte ich mich um so viele Sachen unbedingt kümmern müssen. Zum Beispiel war das Kinderzimmer noch gar nicht eingerichtet, es fehlte an wichtigen Baby-Utensilien etc. Das Ganze spitzte sich dann zu, als zuerst meine Frau und dann auf einmal Marlon nach Hause durften.

 

5. Brauchte deine Frau aufgrund des HELLP-Syndroms auch weiterhin ärztliche Betreuung und wie sah diese aus?

 

Der Arzt im Krankenhaus hatte uns damals empfohlen, nachträgliche ärztliche psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Laut seiner damaligen Aussage können die psychischen Nachwirkungen über Jahre später noch bei der Frau auftreten. Das haben wir damals aber erstmal gar nicht ernst genommen. Marlon hatte natürlich Priorität und wir wollten unsere Kraft konzentrieren. Erst später ist uns Beiden aufgefallen, dass so etwas Erlebtes doch nicht so ohne weiteres wegzustecken ist. Meine Frau ist eine starke Persönlichkeit, aber sie ist nachträglich klar an ihre Grenzen gekommen. Die Frage „Warum habe ich ein HELLP-Syndrom erlitten?“ hat sie sehr beschäftigt. Wie geschrieben, der eigene Körper vergiftet sich sozusagen selbst. Meine Frau hat dann das Gespräch mit anderen betroffenen Frauen gesucht, das hat ihr sehr weitergeholfen. Ich selbst habe viele hilfreiche Informationen im Forum der Gestose-Frauen e.V.  erhalten. Diese Arbeitsgemeinschaft kann ich allen betroffenen Familien sehr ans Herz legen.

Heute geht es uns übrigens gut.

 

6. Obwohl die statistische Wahrscheinlichkeit gering ist, dass bei einem zweiten Kind abermals dieselben Komplikationen auftreten, könnte ich mir vorstellen, dass dies dennoch mit einem mulmigen Gefühl einhergehen würde. Wie sehen du und deine Frau dies?

 

Das HELLP-Syndrom wird ja immer noch untersucht, aber es ist in der Tat so, dass das rein statistische geringe Wiederholungsrisiko mit 5 bis 19 % angegeben wird. Ich weiß, dass es vielen Frauen bzw. Familien so geht wie uns. Sie haben Angst, eventuell noch mal so eine schlimme Situation durchleben zu müssen. Wir haben uns bewusst gegen ein zweites Kind entschieden.

 

 

 7. Was hat dich dazu bewogen, diese sehr private Zeit deines Lebens in ein Buch zu packen und somit der ganzen Welt zugänglich zu machen?

 

Also, erstmal muss ich zuerst sagen, dass ich gerne schreibe und das Buch mit dem langen Titel „Achterbahn zum ersten Milchzahn – Vater werden – Mein Abenteuer mit Happyend“ nicht mein erstes Buch ist, das ich geschrieben habe. Allerdings das erste, welches ich in einem Verlag, in dem Fall der Sankt-Ulrich-Verlag aus Augsburg, veröffentlicht habe. Ich musste mir das Erlebte aus dieser Zeit mit all seinen Höhen und Tiefen sozusagen von der Seele schreiben. Dass ich damit auf so viel Interesse stoßen würde, war mir zu dem Zeitpunkt noch gar nicht bewusst. Das Buch ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz erfolgreich veröffentlicht worden.

 

8. In deinem Buch schreibst du völlig offen auch über all die Dinge, die von jungen Eltern oftmals „verheimlicht“ werden, wie z.B. Schlafmangel etc. Die Themen Elterngeld & Partnermonate und viele andere Tipps machen das Buch auch für (Noch-)Nichteltern lesenswert. Aber befürchtest du nicht, eventuell mit einigen dieser „schwierigeren“ Themen angehende Eltern vor ihrer Familienplanung zurückschrecken zu lassen?

 

Ich denke, da kann ich zukünftige Leser absolut beruhigen. Bisher hat sich noch niemand bei mir gemeldet, um mir zu sagen, dass mein Buch abschreckend im Sinne von einer möglichen Familienplanung ist. Im Gegenteil. Ich gebe aber zu, dass mir der Gedanke beim Schreiben des Buches zwischendurch auch durch den Kopf geschossen ist. Ich wollte aber auf gar keinen Fall, dass jemand mein Buch liest und anschließend frustriert, ratlos oder gar irritiert zurückbleibt. Deswegen habe ich in Rücksprache mit meinem Verlag zum Beispiel schon beim Titel den Zusatz „Mein Abenteuer mit Happyend“ gewählt. Der Leser soll auf den ersten Blick erkennen, dass mein Buch gut ausgeht und ich denke, er wird auch schon nach ein paar Zeilen erkennen, dass „Achterbahn zum ersten Milchzahn“ trotz des ernsthaften Hintergrundes ein humorvolles Buch geworden ist. Das war mir persönlich sehr wichtig! Ich denke, es nutzt auch nichts, wenn man das „HELLP-Syndrom“ als Familie, die Nachwuchs erwartet, einfach ausblendet, in der Hoffnung, es wird schon alles gut gehen. Aufklärung und Aufmerksamkeit ist aus meiner Sicht der richtige Weg und insofern bin ich auch sehr dankbar über die Möglichkeit, hier ein paar Worte sagen zu dürfen.

 

9. Was wird uns in deinem Fortsetzungsbuch „Milchzahn II. – Jetzt rede ich!“, in der dein Sohn Marlon zu Wort kommen wird, alles erwarten?

 

Das Fortsetzungsbuch mit dem momentanen Arbeitstitel „Milchzahn der Zweite – Jetzt rede ich“ ist aus der humorvollen Sicht meines kleinen Sohnes Marlon geschrieben, das Ganze immer wieder ergänzt mit vielen offensichtlichen und versteckten Tipps für „gestresste“ Eltern. Dieses Buch, welches voraussichtlich im Frühjahr kommenden Jahres, diesmal im Verlag Monika Fuchs aus Hildesheim, veröffentlicht wird, ist unter völlig anderen Umständen zustande gekommen. Es soll nicht unbedingt ein Buch mit dem reinen Focus Lebenshilfe oder Ratgeber sein, sondern halt auch primär unterhalten. Die Idee, das Ganze aus Marlons kindlicher Sicht zu schreiben, ermöglicht natürlich ganz neue, schöne, witzige Möglichkeiten und Kombinationen. Ich hatte vor kurzem bei Thalia eine Werkstattlesung, wo ich einige unveröffentlichte Kapitel vorgelesen habe und die Resonanz war fantastisch. Gerade bei Themen wie Kindergartenerlebnisse, Schlafgewohnheiten, Krankheiten, Alltag und Erziehung wird sich der Leser auf die eine oder andere Art und Weise wiederfinden. Das kann ich versprechen 🙂 Wer schon mal vorab etwas neugierig ist, dem kann ich folgenden Link empfehlen: »Milchzahn II. – Jetzt rede ich!«

 

10. Was möchtest du den Lesern des Babykeks-Blogs abschließend noch mit auf ihren „Erziehungs-Weg“ geben?

 

Hm, das ist aber abschließend eine schwierige Frage. Ich empfehle das Kapitel „Erziehung? Ist doch ganz einfach“ aus dem Buch „Milchzahn der Zweite“ zu lesen. Man wird feststellen, dass man das Ganze, aus kindlicher Sicht gesprochen, doch sehr einfach zusammenfassen kann, ohne nun vorab zu viel verraten zu wollen. Erziehung ist aus meiner Sicht eine Kombination vieler Dinge, die aber, trotz allen Wissens, oft nicht so funktioniert, wie man vielleicht denkt bzw. erwartet.

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Vielen Dank, dass du hier auf dem Babykeks-Blog neugierige Fragen beantwortet hast. Deine Thematik war informativ, beratend und unterhaltsam zugleich. Ich persönlich freue mich schon sehr darauf, bald Marlons‘ Sicht der Dinge lesen zu dürfen. Für dich und deine Familie wünsche ich dir nur das Allerbeste. Wer gerne mehr über Thomas Scholtyssek und seine Bücher in Erfahrung bringen möchte, den rufe ich zum fröhlichen Googlen auf, oder empfehle, ihm über Twitter via @tscholty zu folgen. Die Internetseite des Autors befindet sich derzeit noch im Aufbau, ist jedoch über diesen Link bereits für ganz neugierige erreichbar.

 

Freut euch, in den nächsten Tagen auf eine ganz besondere Überraschung für euch Leser, die dank Thomas realisiert werden konnte. Bleibt uns treu und klickt öfter mal vorbei, um unter den ersten „Glücklichen“ zu sein 😉

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Wer sich genauer über das HELLP-Syndrom informieren möchte, demjenigen empfehle ich meinen Artikel: „HELLP-Syndrom“

Alle Bilder wurden mit freundlicher Gehemnigung von Herrn Thomas Scholtyssek in den Artikel eingefügt.

Über die Autorin alle Artikel der Autorin anschauen

Sabrina

… wurde Anfang der 80iger Jahre in der schönen Pfalz geboren, wo sie auch heute noch mit ihrem Liebsten und ihren beiden Jungs (*2009 & *2014) wohnt.
Sie hat ihr Hobby Ballett zum Beruf gemacht und lebt als Tanzpädagogin ihre Leidenschaft.
Mit Leib und Seele ist Sabrina Bloggerin und nimmt ihre Leser gerne ein Stück mit auf ihrer Reise als Mutter, engagierte Freiberuflerin und ambitionierte Frau.

2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  • Hallo,

    auch ich hatte ein Hellp-Sydrom welches nicht diagnostiziert wurde. Der Bluthochdruck fehlte als Anzeichen um eine drohende Gestose bzw. Hellp zu erahnen.
    Das HellpSydrom trat bei mir sehr schnell und heftig auf und leider bereits in der 27SSW! Somit wurde meine Tochter per NotKS mit 810gramm geboren! Mehr brauch ich dazu wohl kaum erzählen. Wie der Alltag mit solch einem kleinen Frühchen auf einer Intensivstation aussieht….
    Mittlerweile ist sie 12,5 Jahre alt, putzmunter und kerngesund! Auch besucht sie die 7. Klasse des Gymnasiums was die Fragen bzw. Spätschäden etc. gleich im Keim ersticken!
    Und sie hat auch einen Bruder bekommen, jedoch ließ der auf sich warten, denn er ist nun gerade 15 Monate alt. Die 2. Schwangerschaft verlief komplett Komplikationslos und ohne irgendwelche Auffälligkeiten!
    Viele Grüße
    Marina

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