Wir Eltern wissen, dass die Liebe zu unseren Kleinen unerschöpflich ist. Dennoch gibt es Momente im Leben, bei denen eine massive Falltür kurzzeitig den Blick und die Wärme von diesem Wissen abtrennen. Ich wage zu behaupten, dass diese emotional schrecklichen Momente häufig mit dem zweiten Lebensjahr und der „Ich-Findung“ des Nachwuchses einsetzen.

 

Dem Kind einen Namen geben

In den Staaten wird diese Phase als „Terrible Two“ bezeichnet, was übersetzt so viel bedeutet wie „Schreckliche Zwei“, womit das Lebensjahr gemeint ist und der Beginn der in Deutschland sogenannten Trotzphase startet. Einer der derzeit populärsten Erziehungs-Gurus Jesper Juul ist der Meinung, dass es so etwas wie eine Trotzphase gar nicht gibt. Einige Pädagogen stimmen ihm da voll und ganz zu, andere sind absolut anderer Meinung und, um die Sache für uns Eltern noch aufreibender zu machen, gibt es selbstverständlich auch die unzähligen Meinungen dazwischen.

Wenn ich „Eltern-Ratgeber“ lese, halte ich mir stets vor Augen, dass jedes Kind seinen eigenen ganz individuellen Charakter hat. Natürlich ähneln sich Verhaltensweisen häufig, dennoch ist das Individuum „Kind“ ein Unikat und man sollte an solch eine zerbrechliche Kinderseele mit Bedacht, Feingefühl und Geduld herangehen und es keinesfalls über einen Kamm scheren, mit all den anderen Sprösslingen dieser Erde.

 

Experten und ihre Gemeinsamkeit

Für die einen Kinder ist die Empfehlung von Herrn Juul genau das Richtige, bei anderen vielleicht nicht. Wer kann dies schon mit Sicherheit sagen… Ich bin froh, dass sich alle derzeit veröffentlichenden Pädagogen in einer sehr wichtigen Sache einig sind und diese betrifft Gewalt gegen Kinder.

Leider gibt es so unzählige Arten, einem Kind Gewalt antun zu können, dass ich gar nicht näher darauf eingehen möchte. Allgemein gesprochen könnte man zusammenfassen, dass man Kinder keinesfalls körperlicher Gewalt aussetzen darf (und dazu zählt meiner Meinung nach auch der volksmündliche „Klaps“ in jeder Variante). Die zweite große Gewaltform ist die der seelischen Gewalt. Ein so umfassendes und entsetzliches Thema, dass es unzählige Bücher darüber gibt. Dennoch liegt das größte Problem immer noch darin, dass es Eltern gibt, denen die Grenze zur psychischen Gewalt nicht klar ist. Durch Unwissenheit, Dummheit oder Ignoranz, eine Kinderseele zu zerstören, ist solch ein trauriges Armutszeugnis für die Gesellschaft.

 

Lösungen finden und umsetzen

Ich schreibe dies nach einem wirklich furchtbar stressigen Tag mit meinem Kleinkind. Ich wurde (aus Erwachsenensicht) grundlos gebissen, mit den Fäustchen geschlagen, mit Spielsachen beworfen und am Ende des Tages setzte der Wutzwerg seinem Verhalten die Krone auf und schleuderte einen Becher Saftschorle durch das gesamte Wohnzimmer.

Ich bin stolz, sagen zu können, dass ich ihn den gesamten Tag nicht angeschrien habe und äußerlich ruhig geblieben bin, bei all seinen Ausbrüchen. Ich habe ihn nicht gezerrt oder sonst wie körperlich dominiert. Auch auf den grausamen „Liebes-Entzug“ oder gar das Ignorieren-Karussell bin ich nicht aufgesprungen.

Dennoch fühlte ich mich grauenvoll. Ich habe ihn nach dem Schorle-Weitwurf kopfschüttelnd und mit resignierter Miene in sein Bettchen gelegt. Ihm eine gute Nacht gewünscht und habe den Raum verlassen. Meine Annahme war, dass er gleich zu brüllen beginnen würde. Dann würde ich ihn trösten, mit ihm reden und alles wäre wieder gut für die Nacht und den kommenden Tag. Bis es soweit wäre, würde ich mich wieder gesammelt haben.

Unsere individuelle Lösung

Aber das tat er nicht. Es blieb ruhig und ich tigerte den Tränen nahe durch die Wohnung und hatte ein schlechtes Gewissen, ihn ohne Gute-Nacht-Kuss und liebe Worte hingelegt zu haben. Augenscheinlich litt ich mehr als er. Nach einiger Zeit ging ich zu ihm. Er saß aufrecht und still in seinem Bett, als er mich sah, stellte er sich auf und schickte mir einen Luft-Kuss als Friedensangebot.

Ich streichelte seinen kleinen Kopf, schmiegte meine Wange an seine und sagte ihm, dass ich ihn sehr lieb habe. Er streichelte mir mit seiner kindlichen Art über das Haar und ließ sich hinlegen. Ich beendete unser Ritual mit unserem Schlaf-gut-Satz und verließ erleichtert und traurig zugleich den Raum.

Traurig, weil ich seine Wut nicht verstehen oder nachvollziehen kann, und erleichtert, weil dieser schreckliche Tag unserer Liebe zueinander nichts antun konnte.

Das Leben mit Kindern ist unglaublich schwer, stundenweise schier unerträglich und zeigt Grenzen auf, die man zuvor kaum erahnt hatte. Dennoch ist die Liebe ungetrübt und unerschütterlich. Welch ein Paradoxon.

Und vielleicht ist genau solch ein Paradoxon heute im Empfinden meines Sohnes gewesen. Vielleicht wusste er ganz genau, dass er mich über alles liebt, aber meine Handlungen haben ihn aus Unverständnis und Hilflosigkeit so wütend gemacht, dass sich all seine Emotionen in all diesen Wutausbrüchen entladen haben.

Wir Erwachsene haben gelernt, unsere Emotionen zu kontrollieren und somit auch unser Verhalten. Er wird dies noch lernen müssen und diese Schule ist auch ohne Eltern als strenger Lehrer eine harte Nuss. Also versuche ich auch weiterhin, ein gutes Vorbild zu sein und hoffe, dass mein Weg der richtige Weg sein wird, um den seinen zu ebnen.

Meine Kinder sollen glücklich sein, zufrieden, sich geliebt fühlen, und das jede Sekunde ihres Daseins, auch wenn ich selbst mal einen schlechten Tag habe. Das gehört zum All-inclusive-Paket „Liebe“ definitiv dazu.

Ich wünsche allen Eltern die Stärke und das Wissen, ihren Kindern eine gewaltfreie und fruchtbare Kindheit zu ermöglichen – jeden Tag – auch an den schlimmen.

Eure Sabrina

Verratet mir doch bitte, wie ihr mit Wutausbrüchen eurer Kleinen umgeht. Womit heilt und besänftigt ihr eure Kleinen und ihren so individuellen Charakter?

Teilen sehr erwünscht, um so viele Erfahrungsberichte zusammenzutragen wie möglich. Vielleicht ist auch für dich ein funktionierender Tipp oder ein toller Gedankenansatz dabei.

Danke, eure Sabrina

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Sabrina

... wurde Anfang der 80iger Jahre in der schönen Pfalz geboren, wo sie auch heute noch mit ihrem Liebsten und ihren beiden Jungs (*2009 & *2014) wohnt.
Sie hat ihr Hobby Ballett zum Beruf gemacht und lebt als Tanzpädagogin ihre Leidenschaft.
Mit Leib und Seele ist Sabrina Bloggerin und nimmt ihre Leser gerne ein Stück mit auf ihrer Reise als Mutter, engagierte Freiberuflerin und ambitionierte Frau.

7 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  • Du hast ganz wundervoll reagiert.Dein Sohn darf sich glücklich schätzen. Gleichzeitig kamen mir die Tränen, da ich Deine Gefühle so nachvollziehen kann. Ich sehe vieles wie Du daher bin ich auch schon oft durch das Haus geschlichen während eines meiner Juwelen zum Abreagieren im Bett oder Zimmer war.

  • Hallo Sabrina,

    also unser Sohn wird jetzt 20 Monate alt und ist eigentlich ein wahrer Prachtkerl.
    Aktuell befindet er sich in einer „nein“ Phase. Egal was man Ihm anbietet seine Anwort lautet zu 90% „Nein“
    Bist du müde? –> Nein
    Ziehst du dir die Schuhe an? –> Nein
    Hilfst du beim aufräumen? –> Nein

    Diese Phase ist sehr anstrengend und ich hoffe das sie irgendwann vorbei geht.
    Durchhalten ist angesagt!

    Gruß
    andi

    • Hallo Andi,
      ich wünsche dir/euch viel Kraft für die „Nein-Phase“. Immer daran denken – jede Phase hat auch mal ein Ende… Wir Eltern kennen das alles 😉
      Danke fürs Kommentieren.
      Lieben Gruß
      Sabrina

  • Haben wir Erwachsenen uns tatsächlich immer im Griff, unsere guten und schlechten Emotionen zum richtigen Zeitpunkt abrufbereit? Und wenn nicht, sind wir dann falsch? Ich habe zwei Kinder, 15 Monate Altersunterschied. Die grosse hat ihre „Trotzphase“ nun ziemlich durch, die Kleine ist wie ein Düsenjet in den Ohren… Gut und gerne 3x am Tag 45 min – nichts beruhigt… Es ist der Horror, ich halte es kaum aus und bin an den Grenzen….. Psychologie Hilfe, Notrufnummern und ein Beruhigungsspray – damit meine Emotionen und Verzweiflung nicht ins Bodenlose sausen… Fair zu meinen Kindern bin ich in solchen Situationen nicht immer. Lieben tue ich sie trotz allem…. Bin ich nun eine schlechte Mutter….

    • Hallo Nadi,
      ich verstehe dich gut. Kinder können ihre Eltern tatsächlich an den Rand des Erträglichen bringen. Dennoch werden sie stets über alles geliebt. Ich finde es sehr gut, dass Du weißt wo du Hilfe findest und sie Dir auch holst.
      Du weißt tief in Deinem Herzen, welche Mutter Du für Deine Kinder bist 🙂 Du brauchst Dir von niemanden Bestätigung zu holen.

      Die herzlichsten Grüße
      Sabrina

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