Fehlgeburt darf kein Tabu Thema sein

Fehlgeburt darf kein Tabu Thema in unserer Gesellschaft sein, denn es geschieht jeder 3 Frau in Deutschland. In meinem engsten Freudeskreis habe ich es mehrmals miterlebt. Wie man als Mama mit dem Verlust des eigenen Kindes umgeht, habe ich für euch im Interview mit einer wunderbaren Frau, die es leider mehrfach durchstehen musste festgehalten.

Ich hoffe, alle Mamis, die ihr Kind verloren haben, können darin Mut schöpfen und fühlen sich verstanden und nicht so alleine in dieser unsagbaren Trauer.

TRIGGERWARUNG! Fehlgeburt, Verlust, Trauer

 

Interview mit einer mutigen Betroffenen

Hier erzählt: Eine tapfere Frau, Erzieherin, Mitte Dreißig, verheiratet, nach 3 schmerzhaften Verlusten noch immer kinderlos, unfassbar stark; eine Mutmacherin!

 

Warum machst du dieses Interview mit mir, obwohl es dir sicherlich alte Wunden aufreißt?

  • Ich mache das mit dir, weil über dieses Thema viel zu wenig gesprochen wird und reden hilft. Mir hilft reden sehr und je mehr man darüber redet desto besser geht es einem. Dadurch das ich darüber geredet habe weiß ich jetzt, wieviel bei Kollegen, Bekannten und z.T. auch Familie auch schon passiert ist. Ich bin nicht die Einzige und es tut gut, zu wissen, dass man nicht alleine mit diesem Problem ist.

>Ich hoffe darauf, dass dieses Interview andere Frauen eine kleine Hilfe sein kann in dieser grausamen Zeit.<<

 

Was genau meinst du, wenn du das Wort Problem benutzt.

  • Das Problem ist, mit drei Fehlgeburten zurecht zu kommen. Die Traurigkeit aus dem Alltag zu nehmen und wieder in das normale Leben zurück zu finden.

 

Was ist dir persönlich am schwersten gefallen?

  • Die Angst zur Toilette zu gehen und zu sehen das man blutet. Bis alles endlich vorbei ist. Und natürlich auch den Mann zu sehen, der ebenfalls völlig fassungslos und traurig ist.
  • Ich selbst habe versucht es zu überspielen, um für den anderen so etwas wie Normalität zu schaffen. Aber dann zu sehen, dass mein Mann das auch versucht war sehr schmerzhaft.

 

Du hattest dich dazu entschieden deinen Familien und Freunden sehr früh von der bzw. den Schwangerschaften zu erzählen. Wie hast du es geschafft von den Fehlgeburten zu berichten. Hast du dich darauf irgendwie vorbereitet.

  • Ich habe mich nicht darauf vorbereitet. Ich habe sehr schnell gemerkt, dass einem angesehen wird, dass es einem nicht gut geht. Familie Freunde und Kollegen gaben mir viel Rückhalt und viel Kraft. Ich traf auf viel Verständnis in der Zeit nach den Aborten.
  • Ich habe es sofort erzählt, weil ich es erzählen musste. Aus zwei Gründen. Zum einen wegen der Arbeit und der Vertretung die angefordert wurde und zum anderen, weil es schlichtweg raus musste. Meine Familie, das Kollegium und zwei enge Freunde wussten von der/den Schwangerschaften und so etwas kann ja kein Geheimnis bleiben.

 

Hast du dir nach deinen Fehlgeburten auch professionelle Hilfe gesucht?

  • Ja, ich war bei einer Psychologin nach der 2 Fehlgeburt. Es wurde davor nur das medizinische abgeklärt und mir wurden Anstöße gegeben welche Untersuchungen noch gemacht werden sollte. Die Psychologin hat sich tatsächlich um mich und meine Trauer gekümmert. Das war der Moment an dem mir bewusst wurde, dass reden mir tatsächlich hilft.

 

Hat dein Mann ebenfalls Hilfe in Anspruch genommen?

  • Nein

 

Was denkst du warum nicht?

  • Er kann damit weniger offen umgehen. Er ist von seinem Charakter her jemand, der still trauert und so besser verarbeitet.

 

Hast du dir je selbst Vorwürfe gemacht.

  • Ja, ich habe beim ersten Mal gedacht irgendwas falsch gemacht zu haben oder übersehen zu haben oder mich überanstrengt zu haben. Die Gyn hat mir aber versichert, dass es absolut nicht meine Schuld gewesen sein kann. Dass ich keinerlei Einfluss darauf gehabt habe.
  • Ich hatte mich gesund ernährt, geschont und war vorsichtig. Die Ärztin sagte damals, dass man sich keine bessere Schwangere hätte wünschen können. Viele Tipps habe ich mir auch von einer engen Freundin mit mehreren Kindern geholt.

 

Warum glaubst du, wird dieses Thema totgeschwiegen, obwohl es so „alltäglich“ ist?

  • Es heißt jede dritte Frau hat eine Fehlgeburt. Es gibt natürlich Frauen die diese Fehlgeburt gar nicht bemerken und sie für ihre Periode halten. Einem Großteil geht es jedoch wie mir.

Vielleicht reden viele nicht gerne darüber, weil sie sich schämen und Angst haben verurteilt zu werden. Außerdem mag niemand gerne über solch schlimme Sachen reden. Stichwort: Verdrängung.

 

Meinst du für viele Frauen ist das Schweigen auch eine Art damit abzuschließen?

  • Ja, das kann ich mir vorstellen, weil jede Frau anders ist. Manchen hilft es darüber zu reden und anderen eben zu schweigen.

 

Aber dennoch bist du der Meinung, dass dieses Thema in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit zu Teil werden solle.

  • Ja genau. Weil ich überrascht war wie viele Frauen in meinem Bekanntenkreis dieselbe Erfahrung machen musste. Keine hat sich getraut darüber zu sprechen aus Angst evtl. bei jemanden alten Wunden aufzureißen oder einfach, weil es nicht als salonfähiges Thema angesehen ist. Niemand wollte eine Belastung sein.

 

Du sprichst sehr gefasst und rational über diese schwere Zeit in deinem Leben. Wie sah es in dir drin aus. Der Teil, dem du nicht erlaubt hast in die Öffentlichkeit durchzudringen?

  • Ich habe sehr viel geweint. Hatte große Einschlaf-Schwierigkeiten und gänzlich schlaflose Nächte. Ich konnte zum ersten Mal in meinem Leben kurzzeitig keine Kinder in meiner Nähe ertragen. Schwangere und Neugeborene kann ich noch heute nur ganz schwer ertragen.

Sehr schwer war es für mich zu sehen, wie eine Mutter eines meiner Kindergartenkinder ihre Schwangerschaft genoss und ihr Kind einen Tag vor dem Geburtstermin meines Kindes entbunden hat.

 

Was würdest du jeder Frau raten, die dieses Erlebnis ertragen musste und nun mit dem Wissen einer Fehlgeburt weiter machen muss in ihrem täglichen Leben?

  • Ich weiß, dass in diesem Moment eine Welt einstürzt und es gibt und gab für mich nichts Besseres als Ablenkung. Es klingt schwer, es klingt grausam aber man muss sich ablenken. Ich habe abends gelesen bis mir die Augen zufielen. Ich habe mich kopfüber wieder ins Berufsleben gestürzt. Ich habe tagsüber verdrängt und am Abend alles rausgelassen, bis es irgendwann erträglich war.
  • Es ist so schwierig jemanden etwas zu raten, denn jeder Mensch ist so verschieden.

>>Es wird erträglicher – es ist dann ein Teil deiner selbst und es geht nie vorbei. Aber es wird tatsächlich irgendwann erträglich! <<

 

 

Wurde es leichter bei Fehlgeburt zwei und drei, damit fertig zu werden. Gewöhnt man sich an so etwas? Wie erlebt man diese Angst und Trauer ein zweites und drittes Mal?

  • Ich hatte tatsächlich das Gefühl bei Kind zwei war es leichter. Ich hatte es schon mal durchgemacht. Ich wusste, es geht vorbei. Ich habe gewusst, dass ich mir jetzt gleich viele E-Books runterlade, mich ablenke und weiterlebe.
  • Der Schmerz war bei allen Fehlgeburten gleich. Aber der Schock war nicht mehr derselbe. Bei Fehlgeburt drei war der Schock schlimmer, was mich heute noch sehr wundert. Wahrscheinlich weil ich in der Schwangerschaft über die kritische 6 Woche hinaus war, da zu der Zeit das Herz meines Kindes geschlagen hatte. Ich war überzeugt die Gerinnungsstörung wäre im Griff gewesen und war mir so sicher, dass es diesmal klappt. Und dann auch einmal diese schrecklichen Krämpfe zu bekommen und stark zu bluten hat mich so sehr geschockt, dass ich völlig emotionslos war und zwei Tage braucht, um so richtig um mein Kind weinen zu können.

 

Siehst du persönlich einen Sinn hinter diesem ganzen „Elend“?

  • Ich habe lange mit mir gehadert. Und ganz besonders mit Gott. Aber letztendlich haben mir diese Fehlgeburten vielleicht mein Leben gerettet. Denn jetzt weiß ich von meiner Gerinnungsstörung, die zu einem Schlaganfall oder Thrombose oder sogar einem Herzinfarkt hätte führen können. Ich finde den Gedanken gut, dass es nicht umsonst gewesen war. Meine verstorbenen Kinder haben mir mein Leben gerettet.

 

 

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Vielen Dank, liebe Interviewpartnerin. Ich hoffe aus tiefsten Herzen, dass die Mühe dieses Interviews sich lohnt und anderen Frauen Kraft schenken wird in einer sehr schweren Zeit.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

 

Liebe(r) Leser(in), ich hoffe Du hast verständnis, dass meine liebe Freundin anonym bleiben möchte. Wenn Du etwas zu diesem traurigen aber dennoch wichtigen Thema sagen möchtest, fühl Dich frei meine Kommentar-Möglichkeit zu  nutzen. Du darfst auch gerne von Deinen persönlcihen Erlebnissen berichten. Meine Interviewpartnerin liest mit und beantwortet ggf.  

Bitte behalte Pietät bei und nimm Rücksicht auf Betroffene – vielen Dank!

Sabrina

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

                     

Über die Autorin alle Artikel der Autorin anschauen

Sabrina

… wurde Anfang der 80iger Jahre in der schönen Pfalz geboren, wo sie auch heute noch mit ihrem Liebsten und ihren beiden Jungs (*2009 & *2014) wohnt.
Sie hat ihr Hobby Ballett zum Beruf gemacht und lebt als Tanzpädagogin ihre Leidenschaft.
Mit Leib und Seele ist Sabrina Bloggerin und nimmt ihre Leser gerne ein Stück mit auf ihrer Reise als Mutter, engagierte Freiberuflerin und ambitionierte Frau.

3 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  • Danke!!!
    Ich bin sehr dankbar, dass es so starke Frauen gibt, die sich trauen über ihre Trauer zu sprechen. Das Thema Fehlgeburt ist so alltäglich und trotzdem so ein Tabu, das finde ich schade und macht mich auch wütend. Eine Fehlgeburt ist kein „Fehler“ der Mutter oder des Vaters, es ist die Natur. Bevor ich selbst schwanger war, wusste ich gar nicht, wie „normal“ das eigentlich ist. Ich selbst hatte bisher keine bewusste Fehlgeburt, aber kenne einige Frauen, die dieses Schicksal ereilt hat. Ein wichtiger Tipp einer meiner Freundinnen war es, sich mit den eigenen Rechten auseinander zu setzen. Sie hatte eine Fehlgeburt in der 12 Woche und das Kind wurde nicht begraben. Das bereut sie heute, nach über 8 Jahren und mittlerweile zwei gesunden Kindern, noch immer. Sie wusste damals nicht, dass sie das Recht hat, das Baby auf dem Friedhof begraben zu lassen. Zwar machen das wohl nicht alle Friedhöfe, aber einige schon. Es kann bei der Trauer hilfreich sein, wenn man einen Ort zum Trauern hat. Aber nicht jedem hilft das. Auch das Recht auf Trauerbegleitung durch eine Hebamme kennen nicht alle. Wie individuell Trauer auch ist, wir stehen alle zusammen im Schmerz um den Verlust.
    Ich wünsche allen Betroffenen und auch solchen, die Angst davor haben selbst noch betroffen zu werden, viel Kraft und alles Gute!

  • Ich möchte unbedingt noch auf zwei Bücher/bzw. Autoren hinweisen die mir eine unwahrscheinliche Hilfestellung waren:
    Hannah Lothrop, Gute Hoffnung, jähes Ende
    und Heike Wolter. Sie hat mehrere Bücher für Eltern und Geschwister, sowie auch Erinnerungsalben geschrieben, die zumindest gute Ideengrundlagen für die Trauerarbeit schaffen.

  • Hallo,

    ich finde du bietest interessanten Content für werdende Mütter und würde dich gerne für den Liebster Award 2017 nominieren. Jeder beantwortet dazu 11 Fragen rund um Schwangerschaft, Baby und Partnerschaft und veröffentlicht sie in seinem Blog und verweist dabei auf den nominierenden Blog. Ich verweise natürlich auf deinen.

    Auch kannst du dir in deinem Blog-Post eine kleine Krone wie auf meiner Seite aufsetzen.

    Wenn du Lust hast, schicke ich dir 11 tolle Fragen 🙂

    https://www.instagram.com/sweetzeroyear/

Verfasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Die erforderlichen Felder sind mit einem * markiert.