Ich arbeite (auch) in einer Familienbildungsstätte und dort komme ich ganz selbstverständlich in Kontakt mit behinderten Menschen. Die Vielfalt der verschiedenen Behinderungen ist leider sehr groß und ich würde mir niemals anmaßen, zu behaupten, ich käme mit allen Facetten sofort klar, aber als ich die Anfrage erhielt, ob ich ein Geschwisterpaar in meine Tanzgruppe aufnehmen würde, von dem ein Kind ein Chromosom zu viel hatte, musste ich nicht lange überlegen und sagte zu.

Bildquellenangabe: twinlili  / pixelio.de

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In der nächsten Stunde begrüßte ich dann die beiden liebenswerten und aufgeweckten Mädchen in der Gruppe und machte daraufhin eine so erschütternde Erfahrung in Sachen Fremdschämen, dass ich anschließend sogar Rat und Hilfe bei meinen spezieller ausgebildeten Kollegen einholte.

 

Gut für mein „Weltbild“ war die Tatsache, dass fast alle Eltern völlig „normal“ auf die neue Situation reagierten, interessierte, aber nicht aufdringliche Fragen an die Mutter des besonderen Mädchens stellten und danach zufrieden und ohne Berührungsängste in den üblichen Unterrichtsablauf übergingen.

 

Doch leider gab es eine Mutter, die einfach ganz furchtbar reagierte. Als die Familie des „behinderten“ Mädchens den Raum betrat, rannte sie sofort zu ihrer Tochter und schütze sie auf sehr verletzende Weise, für die Neulinge, ihr Kind vor der Berührung. Sie war nervös und man konnte ihr die Abneigung so deutlich ansehen, als hätte sie die gesamte Zeit einen richtig üblen Geruch in der Nase.

 

Ich schämte mich in Grund und Boden wegen des Verhaltens der Frau und versuchte, so gut ich konnte, die Situation für alle „erträglicher“ zu machen. Meine Bemühungen besagter Mutter, die Berührungsangst gegenüber dem Down-Syndrom zu nehmen, schlugen kläglich fehl, und ich muss gestehen, dass mich diese Sache so sehr mitgenommen hat, dass ich noch heute hin und wieder darüber nachdenke.

 

Wie zu erwarten, kam besagte Mutter vom Tage an nicht mehr in den Unterricht und meldete sich kurz darauf ab. Als ich dies der Klasse mitteilte, war niemand überrascht. Es wurden wissende Blicke geteilt, die einen schüttelten einfach nur den Kopf oder zogen die Augenbrauen anklagend in die Höhe.

 

Es tat mir so leid für die Mutter der beiden Mädchen, aber an ihrem Verhalten in dieser Situation wurde mir bewusst, dass sie dies wohl leider nicht zum ersten Mal erlebte und dass ihr persönlicher Schutzschild sehr gut funktionierte.

 

Ob ihre Kleine diese unschöne Sache wirklich verstand, kann ich nicht sagen, und ich hoffe ein wenig, dass es an ihr vorbei gegangen ist, denn sie ist ein ganz wunderbarer kleiner, wissbegieriger Mensch und derart verschmust und offenherzig, wie ich es manchmal bei anderen Kinder ein bisschen vermisse.

 

Offensichtlich habe ich großes Glück, dass mir in meiner Erziehung völlig nebenher beigebracht wurde, wie ich unbefangen mit behinderten Menschen umgehe. Mir war bis zu diesem Tage nicht wirklich bewusst gewesen, wie erschreckend und abstoßend manche Menschen auf Behinderte reagieren, und das machte mich traurig, aber auch wütend.

 

Ich weiß nicht genau, wie ich damit umgehen soll. Am liebsten hätte ich besagte, abweisende Mutter verständlich gemacht, dass man vor Behinderungen keine Angst haben muss, ich hätte sie gerne „erzogen“, wie ich erzogen wurde, ganz nebenbei und ohne Vorurteile, aber mir ist klar, dass es immer Leute wie sie geben wird und dass ich leider herzlich wenig in dieser Beziehung ausrichten kann.

 

Meine Gedanken gingen natürlich auch zur Erziehung von Babykeks. Wie nehme ich ihm genau diese Vorurteile und Ängste? Es dauerte eine Weile, bis mir deutlich wurde, dass ich das doch schon längst tue, indem ich ihm vorlebe, dass behinderte Menschen genauso tolle Personen sein können wie ganz gesunde Menschen und dass Anderssein im ersten Moment vielleicht ein bisschen Angst machen kann, aber dass man beim genauen Hinsehen fast immer positiv überrascht sein wird.

 

 

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Sabrina

… wurde Anfang der 80iger Jahre in der schönen Pfalz geboren, wo sie auch heute noch mit ihrem Liebsten und ihren beiden Jungs (*2009 & *2014) wohnt.
Sie hat ihr Hobby Ballett zum Beruf gemacht und lebt als Tanzpädagogin ihre Leidenschaft.
Mit Leib und Seele ist Sabrina Bloggerin und nimmt ihre Leser gerne ein Stück mit auf ihrer Reise als Mutter, engagierte Freiberuflerin und ambitionierte Frau.

8 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  • Ein tolles Thena 🙂 es gibt ja immer die Grenze zwischen körperlicher Behinderung und geistlicher. Mein Papa sitzt durch einen Autounfall seit über 25 Jahren im Rollstuhl.meine Kinder bekommen es als Selbstverständlichkeit jeden Tag mit. Bei uns in der Nähe ist eine behindertenschule.di Betreuer dort gehen sehr oft mit ihnen raus spazieren. Oft begegnen wir ihnen und somit konnten auch meine Kinder den Umgang als nicht böse oder fremd erleben. Die Tochter meiner Zahnärztin ist seit ihrer gebut geistlich behindert. Und ich persönlich empfinde nur meinen höchsten Respekt für alle Betroffenen. Man darf nicht vergessen das wir alle nur Menschen sind….

    • Hallo Danny,
      vielen Dank für Dein Kommentar. Du hast absolut recht: „Wir sind alle Menschen“ und es ich sehr traurig, dass scheinbar viele diese Tatsache vergessen.

      Ganz liebe Grüße an Euch vier und natürlich Deinen lieben Papa 🙂
      Sabrina

  • So bitter das auch sein mag: es ist vermutlich das Beste, dass diese Mutter nicht mehr kommt. Denn anderenfalls müsstest du dich wahrscheinlich noch ein Paar Mal öfter fremdschämen. Schade, dass manche Menschen solche Vorurteile haben!

    • Hallo Andrea,
      ein sehr großer Teil von mir ist natürlich absolut erleichtert, dass diese Mutter nicht mehr am Kurs teilnimmt, aber der andere Teil fühlt sich als Versager, denn zu meinem Lehrauftrag in der Familienbildungsstätte gehört natürlich auch die Kursteilnehmer zu lehren, mit Ängsten umzugehen. Das ist mir hier definitiv nicht gelungen und das fühlt sich nicht gerade schön an…
      Danke für deine lieben Worte.
      Sabrina

  • Wow das ist echt heftig, wie diese Mutter reagiert hat – und dann auch noch kommentarlos! Ich arbeite auch im sozialen Bereich und kann mir nicht vorstellen, daß sowas (noch) passiert, man meint ja, die Gesellschaft sei aufgeklärter und offener…

    • Liebe herzmutter,
      leider bin ich von dieser Annahme schon lange abgekommen. Die Gesellschaft mag von außen „aufgeklärt“ erscheinen aber was sich (teilweise) immer noch in ihrem Inneren abspielt ist traurig und manchmal sogar erschreckend.
      Nur gut, dass es Menschen gibt, die nicht nur von „Fortschritt und Offenheit“ reden, sondern dies auch leben.
      Herzliche Grüße und dir noch viel Erfolg bei deiner sozialen Arbeit.
      Sabrina

  • DANKE!

    Danke für diesen Blog-Post.

    Ich bin über die MütterBlogs zu Dir gestoßen und stehe im Ranking einen platz vor Dir 😉

    Ich schreibe einen Blog über genau so ein Kind mit einem Chromosom zu viel.
    Und ich trage es in die Welt hinaus und ich mache uns nicht unsichtbar.
    Früher wurden die Behinderten versteckt und das wünschen sich manche heute noch.

    Ich lasse solche Situationen nie im Sande verlaufen, ich bin nicht dkie, die Hilfe braucht, sondern dkie anderen.

    Dies habe ich intuitiv schon gleich nach der geburt meiner Tochter bemerkt. und so habe ich nie Hilfe erwartet, sondern immer gegeben um anderen die Unsicherheit zu nehmen im Umgang mit meiner Tochter.

    Ich versuche das Down Syndrom immer mehr zu etwad „normalem“ zu machen indem ich es einfach jedem vors Auge halte, dass wegsehen schwer wird. Jolina ist zT. auch auf Schnittmustern vorne drauf und ich bin denen dankbar die durch ihre Offenheit riskieren, dass so eine „Tante“ aus Vorurteilen das nicht kauft.

    Und jetzt hab ich so viel geschrieben, deshalb lade ich dich noch ein vielleicht beim Geburtstagswichteln mit zu machen 😉

    Liebe Grüße Martina

    http://jolina-noelle.blogspot.de/p/oster.html

    • Hallo Martina,
      es freut mich sehr, dass du Deine Sicht der Dinge darlegst. Als Mutter von einem „normalen“ Kind kann man sich wohl nie wirklich in die Situation und die Gefühlswelt hineindenken, die Dir völlig vertraut und normal ist.
      Darum habe ich lange überlegt, ob ich diesen Artikel so verfassen kann,denn ich möchte keinesfalls so erscheinen, als wäre ich im Umgang mit Behinderungen fehlerlos und völlig unvoreingenommen.
      Ich bin froh, dass sich betroffene Familien mit meinem Artikel nicht unwohl fühlen und dann sogar noch -Danke- sagen. Das tut mir so gut und darum möchte ich auch Dir Danke sagen. Danke, dass du Deine Kleine nicht versteckst, dass du allen zeigst, dass das Down Syndrom ein normales Leben möglich macht und danke, dass Du nicht verbitterst auf solch „arme Gemüter“ schimpfst, die genau das nicht verstanden haben.

      Alles Gute für euch – und ich werde gleich mal bei Dir auf dem Blog „schnüffeln“ gehen.

      Lieben Gruß
      Sabrina

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