21 putzige Ballettkinder im Alter zwischen 3 und 5 Jahren betreten super gut gelaunt den Ballettsaal. Heute habe ich etwas sehr Besonderes mit ihnen vor. Ich erzähle ihnen vom großen Auftritt in einem halben Jahr.

 

Die Augen glitzern vorfreudig, als sie erfahren, dass sie die großen Geschwister von Mowgli sein dürfen und ihn als mutige graue Wölfe beschützen werden. Als Ballettlehrerin hat man nämlich das unglaubliche Talent, jede noch so eigenartige Rollenverteilung den Kindern in den schillerndsten und aufregendsten Worten zu präsentieren, damit sie sich darauf freuen, diesen Part in der großen Aufführung übernehmen zu dürfen. Wer das als Pädagoge nicht drauf hat, kann sofort einpacken.

 

Von nun an sind meine Tanzmäuse Tanzwölfe und wir üben – mit viel Spaß -, unsere Krallen zu zeigen, zu brüllen und vor allem wie Wölfe zu tanzen – Ballettschritte versteht sich!

 

Nach einem Monat Vorbereitung, bei dem ich geplantes Schrittmaterial spielerisch im Unterricht versteckt habe, benutze ich das erste Mal die Musik, zu der wir tanzen werden und erzähle den kleinen Wölfen, was genau wir auf der großen Bühne vor all den Zuschauern tanzen.

 

Vorbereitungen hinter der Bühn,e - Kostüme, Make up & entspannendes Geplauder mit den Tanzkollegen

Vorbereitungen hinter der Bühne! Kostüme, Make-up & entspannendes Geplauder mit den Tanzkollegen

 

 

Alle sind sich einig, dass sie die besten Wölfe der Welt sein werden und Mowgli nichts passiert, solange sie nur richtig tanzen. In meinem Magen zieht es sich schon unangenehm zusammen, denn erfahrungsgemäß wird irgendeiner der Dreijährigen hundertprozentig patzen und dann vom Rudel zerfleischt werden, da derjenige schließlich Mowgli auf dem Gewissen haben wird. Aber ich bin zuversichtlich, auch das unter Kontrolle zu bekommen.

 

Drei Monate später steht der komplette zweieinhalb-minütige Tanz und alle Kinder haben ihn mindestens einmal von Anfang bis Ende mitgetanzt. Bitte nicht wundern – denn Dreijährige sind erfahrungsgemäß und ganz selbstverständlich häufig mal krank. Das Immunsystem wird im Kindergarten schließlich äußerst beansprucht und darum beginne ich in den jungen Klassen gerne immer extrem früh mit den Proben.

 

Die Eltern sind teilweise noch aufgeregter als die Mini-Tänzer und ich erwische den einen oder anderen Erziehungsberechtigten-Kopf bei waghalsigen Verrenkungen, um durch den winzigen Spalt in der Tür einen Blick auf den noch streng geheimen Tanz zu erhaschen. Dass Dreijährige keine Geheimnisse wahren können, ist mir natürlich voll bewusst, aber zu wissen, dass der Schützling ein Wölfchen sein wird und das Kind tatsächlich im Kostüm mit den noch zu kurzen Ärmchen Ballett tanzen zu sehen, sind zwei ganz unterschiedliche Paar Schuhe…

 

Ein Monat vor der Aufführung muss ich mich selbst etwas beruhigen, um nicht der Panik zu verfallen. An manchen Tagen stehen da putzige kleine Wölfchen vor mit und schauen mich fragend an, wenn ich sie bitte, unseren Wolfstanz zu zeigen. >>Ich bin kein Wolf – ich bin ein Affe wie meine große Schwester!<<; >>Aber ich weiß den Tanz gar nicht!<<; >>Wölfe haben kein schönes Tutu – ich mag was tanzen mit Tutu – sonst mach ich nicht mehr mit!<<

Nur gut, dass die Pädagogin in mir auch darauf vorbereitet ist: Mit größeren Schulmädchen wird das Mini-Wolfsrudel verstärkt und verbal derart gepusht, dass alle am Ende der Stunde wieder vor Stolz platzende Wölfe sind. „Welcher Wolf trägt denn schon ein Tutu – ist doch albern!!!“ Lautes Gekicher.

 

Der Tag der Aufführung. Nach sieben Monaten Probe, nervenaufreibenden Kostümproben, Stellproben etc. ist es endlich soweit.

 

Ein Wölfchen mag sich nicht schminken lassen, das andere hat „aus Versehen“ sehen wollen, wie der Lippenstift auf dem grauen Wolfkostüm ihrer Freundin aussieht, die nun zwei rotschreiende Lippen auf ihrem rechten Ärmel trägt. Der einzige männliche Wolf mag keine Haarklammern zum Fixieren des Wolfkopfes tragen, weil er ja ein Junge ist, und ich habe mich dazu entschieden, einfach alles putzig zu finden, um mich und das ungeborene unschuldige Baby in mir keinem allzu hohen Stresspegel auszusetzen.

 

Vorbereitung der Kostüme für die Kinder. Gleich findet hier die Verwandlung  zum Tanzwolf statt...

Vorbereitung der Kostüme für die Kinder. Gleich findet hier die Verwandlung zum Tanzwolf statt…

 

Die Generalprobe ist ein Desaster. Die Kinder sind pampig, warum noch kein Publikum da ist und aus irgendeinem Grund ist die Musik zu früh fertig, obwohl der Tanz es noch nicht ist! Es stellt sich heraus, dass die falsche Version des Titels bei der Musiktechnik gelandet ist und zum ersten Mal seit sieben Monaten bildet sich Stressschweiß auf meiner Stirn. Ich atme – esse ein paar Nüsse und mache mich auf den Weg zu den Technikern. Nach einer Stunde ist die Sache erledigt – nur die Generalprobe mit der richtigen Musik können wir nicht wiederholen – aber was soll’s – das wird schon irgendwie.

 

Die kleinen Wölfe, mit der heroischen Hilfe zweier todesmutigen Mamis, die gesamte Aufführung bis zum Einsatz in Schach zu halten, ist eine Herausforderung, aber recht unterhaltsam. Dann ist es endlich soweit.

 

Das Rudel schleicht sich in die Kulisse – alle Wölfchen haben große, aufgeregte Augen und kurz bevor unsere Musik losgeht, flüstert ein Wolf >>Ich muss dringend Pipi<< („Ah! Wir waren doch vor 5 Minuten erst – zur Sicherheit – da mussten nur Zwei!!!)

BAMMMMM – das waren dann meine Nervenstränge, die gerissen sind, weil sich plötzlich auch einige andere Tänzer anschließen. Pipi ist mit drei Jahren nämlich extremst anstrengend. >>Nach dem Tanz gehen alle Wöfe Pipi machen!<< verspreche ich und bete, das kein Unglück auf der Bühne geschieht.

 

Unsere Musik startet und die Wölfe tanzen auf die Bühne. Pipi gab es „Gott sei Dank“ nur in den Augenwinkeln der vor Stolz platzenden Eltern, und als die Wölfe geendet hatten, fiel ein Gebirge von meinem Herzen.

Die Lobeshymne für meine Mini-Tänzer in der Umkleidekabine kommt aus der Tiefe meiner Seele und ich bin so unglaublich stolz auf diese kleinen Menschlein, dass alles so super geklappt hat.

 

Ich arme Ballettlehrerin war natürlich der "Oberwolf" & musste mir meine Auftritt-Frisur "ruinieren" lassen von den kleinen Tänzern...

Ich arme Ballettlehrerin war natürlich der „Oberwolf“ & musste mir meine Auftritt-Frisur „ruinieren“ lassen von den kleinen Tänzern…

 

Sieben Monate Vorbereitung für zweieinhalb Minuten Bühnentanz, die sich definitiv gelohnt haben. Auch wenn ich die Ruhe selbst ausgestrahlt habe, so wissen mein Baby und ich dennoch ganz genau, dass mir nichts mehr Thrill und Aufregung hätte bescheren können, als diese süßen Menschleins als tanzende Wölfe auf der Bühne zu sehen.

 

Ich liebe meinen Job!

 

Ah, und habe ich erwähnt, dass dies nur der Bericht von einer der Klassen war, die ich choreographiere und trainiere? Im letzten Jahr waren es sieben!

Mein Job ist nämlich nie langweilig 😉 

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Sabrina

... wurde Anfang der 80iger Jahre in der schönen Pfalz geboren, wo sie auch heute noch mit ihrem Liebsten und ihren beiden Jungs (*2009 & *2014) wohnt.
Sie hat ihr Hobby Ballett zum Beruf gemacht und lebt als Tanzpädagogin ihre Leidenschaft.
Mit Leib und Seele ist Sabrina Bloggerin und nimmt ihre Leser gerne ein Stück mit auf ihrer Reise als Mutter, engagierte Freiberuflerin und ambitionierte Frau.

2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  • Oh wie wundervoll! So etwas mag ich sehr gerne öfter bei dir lesen. So interessant! Ich kann deine Aufregung so gut verstehen, geht es mir doch immer vor unserem großen Jahreskonzert Ende November ganz genauso wenn alle Schützlinge auf der großen Bühne sitzen. Toll! P.S. Wir haben auch solche süßen wolfskostüme für unsere Aufführung dieses Jahr 🙂

    • Hi Vivi,
      ich bin immer wieder erstaunt wie viel Parallelen wir doch haben 😉 Wolfskostüme für Musik und Tanz – passt super 😉 So schade, dass du so weit weg wohnst…
      Allerdings werde ich für „ähnliche“ Berichte wohl in der Vergangenheit kramen müssen, denn am Sonntag beginnt schon offiziell mein Mutterschutz… Das ging dann doch schneller als erwartet.
      Ganz liebe Grüße
      Sabrina

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